Jagd1

afrika part ll | die jagd und der mensch.

Seit Menschgedenken sind wir Jäger und Sammler.
Ein Grund, warum wir uns zu dem entwickelt haben, was wir heute sind, ist der Verzehr von allem Essbaren, was die Natur zu bieten hat. Diese Flexibilität macht uns besonders überlebensfähig.
Die Herstellung von Jagdwaffen macht den Menschen schließlich zu einem gefährlichen aber nicht unbedingt überlegenen Gegner der Tiere. Wer erfolgreich von der Jagd zurückkehren will, braucht mehr als eine Waffe. Denn Jagd ist keine Form der Schlachtung, sondern vielmehr eine Art Kampf mit der Natur. Ein Tier im Wald oder im Busch ist nicht unbewaffnet. Mit scharfen Sinnen riecht, hört oder sieht es den Jäger meist, bevor dieser überhaupt den Hauch einer Spur erahnt.
Die Herausforderung besteht darin, das Tier zu finden.

jagd5

Fährten lesen, Geräusche deuten, sich lautlos fortbewegen, stundenlang verharren ohne einen Mucks zu machen, geduldig sein, unsichtbar werden. Wer Erfolg haben will, braucht Beharrlichkeit und Geduld.

Ein weiterer Aspekt ist der respektvolle und vorausschauende Umgang mit den Tieren. Wer los zieht und trächtige Kühe und junge Bullen schießt, nur weil sie gerade vor die Flinte laufen, gefährdet den Bestand. Geringer Bestand = geringer Jagderfolg.
Hierfür sind umfangreiche Tierkenntnisse von Nöten, die den Jäger oder Jagdführer Dinge sehen und verstehen lassen, die der Laie nicht erkennt. Breiter Hornstand und gekrümmter Rücken können weibliche Merkmale sein. Verwischte, ungleichmäßige Spuren sind auf verletzte oder kranke Tiere zurückzuführen, die sich hinkend durch den Busch schleppen. Ist der Missthaufen frisch & feucht, ist das Tier nicht weit…
Absolute Profis in diesem Bereich sind die afrikanischen „Buschmänner“. Der Stamm der San (im Volksmund „Buschmann“), ist der ursprünglichste Stamm Namibias und bedeutet übersetzt so viel wie: „jene die den Boden auflesen“.
Mit der „Buschmannzeitung“ meint man im übertragenden Sinne den Boden der Wüste, den die Buschmänner studieren und der sie erkennen lässt, was in der Nacht passiert ist, welches Tier, wann und wo welchen Weg genommen hat.
Diese besonderen Kenntnisse machen sich heute gerne Jäger zu Nutze. Buschmänner sind heißbegehrte Jagdführer.

Schon vor meiner Anreise war für mich klar – Ich will es einmal selber erfahren wie es ist zu jagen. Und so widmete ich mich in der letzten Woche intensiv diesem Thema.

Mein erster Jagderfolg hat nicht lange auf sich warten lassen. Vom Hochsitz aus habe ich das Warzenschwein am ersten Tag nach 3 Stunden des Wartens erlegt. Ein mulmiges, aber auch aufregendes Gefühl. Das Tier wurde verladen, zurück zur Farm gebracht und sofort „aufgebrochen“ (Innereien raus) und „aus der Decke geschlagen“ (Fell ab). Etwa eine Woche später wurde das Schwein verarbeitet.

Das war irgendwie zu einfach…
Dass es auch anderes kommen kann, erlebte ich in den folgenden 6 Tagen auf der Jagd nach einem Oryx.
Die wunderschönen Wüstenantilopen sind auch in der namibianischen Savanne heimisch und vermehren sich rasant. Wer Bestand schützen will, muss auch darauf achten, ihn nicht zu groß werden zu lassen. Epidemien wie Tollwut oder Milzbrand können sich in großen Gruppierungen wie ein Buschbrand ausbreiten und ganze Herden auslöschen… Das Oryx gehört zu den häufig gejagten Tieren und ist wichtiger Bestandteil afrikanischer Speisekarten.

jagd7

Vormittags wie Nachmittags war ich die nächsten Tage unterwegs. Immer in Begleitung eines Jagdführers. Ansitzen – Pirschen – Ansitzen – Pirschen – Nichts! Kein Oryx, das zum Abschuss freigegeben wäre.

jagd6

Dennoch kreuzten viele Tiere unseren Weg. Kudus, Warzenschweine, Impalas…

jagd2

…Geparden, Ameisenschweine, Paviane, und jede Menge bunter Vögel.

jagd4

Es ist ein wunderbares Erlebnis, all diese Tiere in ihrem natürlichen Lebensraum zu beobachten und hat schon fast etwas meditatives. Aber natürlich wollte ich auch erfolgreich sein.

Am Sonntag ist es dann so weit:
Es ist mein letzter Tag in Afrika und meine letzte Gelegenheit, einen Oryxbullen zu erlegen. Nach sechs Tagen erfolgloser Heimkehr schwanke ich zwischen Jagdfieber und Resignation.

Das Gewehr geschultert, das Fernglas um den Hals, steige ich ins Auto. In meiner Tasche habe ich drei zusätzliche Patronen des Kalibers 338 WIN MAG. Niklas fährt den alten Landcruiser bis ans äußere Ende der Farm. Auch er möchte erfolgreich nach Hause kehren.
Zehn Meter vor der Stelle, an der Niklas parkt, schaltet er den Motor aus und lässt den Wagen leise ausrollen. Die Sonne ist bereits aufgegangen und strahlt in ihrer täglichen Selbstverständlichkeit. Keine Wolken am Himmel.
So leise wie es mir das dürre Gras erlaubt, schleiche ich Niklas in seinen Spuren hinterher.
Unser Blick schweift von links nach rechts und zurück. Hin- und wieder ein geschulter Blick auf den Boden. Sogar ich kann bereits reichlich Oryx-Fährten auf den sandigen Pfaden ausmachen. Trotzdem sind noch keine Tiere zu sehen.

Termitenhügel sind eine nützliche Erfindung der Natur. Einmal hochgeklettert, reicht der Blick einen Kilometer weit über die flache Steppe. Und mit etwas Glück sieht man von hier oben wonach man sucht. – Wir haben Glück!
Versteckt hinter einem Weißdornbusch steht ein ausgewachsener Oryxbulle und äst genüsslich das trockene Gras. Der Wind kommt von Westen und treibt unsere Fährte ab vom Geschehen. Riechen wird er uns nicht.
Eine Distanz von ca. 200m ist etwas weit, um aus dem Stand einen genauen Schuss zu setzen. Langsam und leise bewegen wir uns also vorsichtig in Richtung des Bullen. Die Waffe bereits entsichert, bleiben wir auf etwa 120m Entfernung stehen. Niklas, der sich nur noch in Zeitlupe bewegt, baut vor mir den Pirschstock auf, eine Art Gewehrstativ, das mir das Zielen erleichtern soll. Den Oryx lässt er nicht aus den Augen.
Mein Herz pocht. Vollgepumpt mit Adrenalin setze ich das Gewehr zum Schuss an. Den Finger am Abzug, den Oryx, der nichts ahnt, im Visier.

SCHUSS!

Für einen Blattschuss, muss man das Fadenkreuz genau hinter dem Schulterblatt des Tieres positionieren. Ein guter Schuss durchschlägt die inneren Kammern, öffnet die Gefäße, woraufhin das Tier kollabiert und nach 2-3 Metern tot zusammensackt.

Das erste, was ich registriere, ist ein ohrenbetäubender Knall und ein unglaublicher harter Schlag gegen die eigene Stirn. Paralysiert fasse ich mir an den Kopf. Mir läuft Blut über die Finger.
Das kommt davon, wenn man sich weniger auf die Haltung als auf das Zielen konzentriert, und der Rückschlag der Waffe einem das Fernglas gnadenlos gegen die Birne katapultiert.

In der Entfernung sehe ich noch, wie ein mächtiger Oryxbulle sich aufbäumt und mit weiten Sätzen aus unserem Blick verschwindet.
Hoffentlich habe ich ihn nicht angeschossen. Ein Blick zu Niklas bringt auch keine Entwarnung.
Nach 100 Schritten stehen wir dort, wo der Oryx noch vor wenigen Minuten gefrühstückt hat. Doch drei Meter weiter ragen die dicken, schwarzen Hörner aus dem Gras. Puh!
Nochmal zehn Schritte und wie stehen vor dem im Gras sterbenden Oryx.

Ich muss zugeben, dass es mich nicht kalt lässt, ein so prachtvolles, großes Tier sterben zu sehen.
Wir tätscheln ihm beide die Wange. Was nun kommt wirkt ein wenig makaber, aber mit dem sogenannten “letzten Bissen”, erweist man dem Tier die letzte Ehre. Also reiße ich ein Büschel Gras aus dem Boden und stecke es ihm zwischen die Zähne. Das Ganze hat überall auf der Welt Tradition. Niklas wuchtet den massigen Körper ein wenig auf fürs Foto. Der Oryx wirkt beinahe noch lebendig…

jagd9

Und nun? Wie kriegen wir das Auto jetzt bitte hierhin? Wo sind wir überhaupt? Mitten im Busch stehend kann ich nicht ausmachen, ob der Zaun, über den wir vor etwa 40 Minuten geklettert sind, links, rechts oder doch direkt vor mir liegt…
Niklas dreht sich einfach nach rechts und stapft los, ich hinterher. Alle drei Meter reißt er ein Büschel Gras aus dem Boden und wirft es, etwa auf Augenhöhe, in den nächstgelegenen Busch. Die einfachste Form der Navigation funktioniert im afrikanischen Busch noch immer am besten.
Zehn Minuten später steuert Niklas den Landcruiser über Stock und Stein durch das Gelände und wir erreichen bald wieder das erlegte Tier. Ohne Seilwinde hieven wir das knapp 150kg schwere Ungetüm auf die Ladefläche des Pickups.
So langsam lässt auch das Zittern nach und das Blut auf meiner Stirn scheint getrocknet.
Ich bin erleichtert, erschöpft und irgendwie auch glücklich…

Zurück auf der Farm, erweise ich dem Tier meine persönliche letzte Ehre und übergebe es nicht, wie gewohnt, den Schlachtern, sondern übernehme selber diesen Part. Ich finde man sollte wissen, wie es ist, eine so beachtliche Kreatur in ein Produkt zu “verwandeln”. Aus lebendig wird leblos. Aus dem Tier wird ein Steak…
Denn genau das ist das Produkt im Supermarkt heute für uns – ein abstraktes Etwas, das wir nicht mehr mit dem lebenden Geschöpf der Natur verbinden.

jagd10

STELLUNGNAHME – VERTEIDIGUNG – AUFKLÄRUNG

„From Nose to Tail“ – Der Slogan, mit dem unter anderem auch Slow Food wirbt, meint die Verarbeitung des ganzen Tieres. Von Kopf bis Schwanz – und zwar wörtlich. Wer immer nur Filet und Steaks isst, vergisst, dass das Tier aus noch MEHR besteht und verliert irgendwann den Bezug zu dem Geschöpf, das hinter dem Produkt im Supermarkt steht.
Man kann den Slogan aber auch noch weiter spinnen: „From lively to food to plate“.
Wer in der Illusion lebt, Fleisch essen zu können, ohne sich mit dem Tötungsaspekt auseinander zu setzen oder diesen sogar verurteilt, der scheint bereits den Bezug zu dem Tier verloren zu haben.
Niemand, der Fleisch isst, muss Schlachter oder Jäger sein, aber jeder sollte sich bewusst sein, dass vor jeder Wurst und vor jedem Steak eben dieser Prozess des Tötens steht. Leider leben wir mittlerweile in einer Welt, in der dieses Wissen nicht mehr jedem vor Augen scheint, während er seinen Einkaufswagen mit Produkten aus Massentierhaltung füllt oder genüsslich in sein Wurstbrot beißt und dabei über die Abart der Tierhaltung und Jagd wettert.

Fleisch essen ist keine Sünde! Es gehört dazu und ist Teil unserer Entwicklung. Aber genauso ist es mit dem Jagen und so sollte es auch mit der artgerechten Tierhaltung und Schlachtung sein.
Wir sind keine Fleischfresser, aber reine Pflanzenfresser sind wir auch nicht. Am Ende kommt es eben auf die Balance an und die Menge, die wir konsumieren. Außerdem wo und was wir einkaufen.

Fragt euch ab und zu mal selbst:

°Betrachten wir uns, unseren Einkauf und unsere Ernährung kritisch? Oder geht es uns nur ums satt werden?

°Weiß ich, woher die Hühnchenbrust im Kühlschrank kommt? Oder ist es mir egal?

°Würde ich Innereien, wie Hirn, Leber und Niere probieren? Oder ist das für mich Müll?

°Könnte ich ein Tier töten? Oder mache ich mir lieber nicht „die Finger schmutzig“ ?

°Genießen wir noch? Oder konsumieren wir nur?

NACHWORT

Meine Zeit in Afrika war der absolute Wahnsinn und hat sämtliche Erwartungen übertroffen! Vielen Dank noch mal an dieser Stelle für diese tolle Chance und Erfahrung an die ganze Familie Ritter!

Und an alle, die ihren Urlaub noch nicht geplant und Lust auf Safari im Abenteuerland haben: Ihr dürft auf keinen Fall an der Woltemade-Farm vorbeifahren! Enjoy!

Facebook

tafelgold

Foodie. Koch. Foodstylist. Blogger.

(2) Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Sehr schön geschrieben! Und überhaupt nicht in die momentan herrschende “Fleisch-essen-ist-ein-Verbrechen”-Schiene gehauen. Vielen Dank dafür und diesen Gedankenanstoß. Ich werde mal versuchen meinen Speiseplan zu beobachten und bewusster zu kaufen/essen.

    Gruß und bis bald mal wieder ;)
    Max

    Antworten

Hinterlasse einen Kommentar zu tafelgold Antworten abbrechen

Pflichtfelder sind mit * markiert.


Facebook

Likebox Slider Pro for WordPress